Sehnenschaden beim Pferd: Warum er selten „einfach so“ entsteht – und wie du echte Heilung erreichst

Sehnenschaden beim Pferd: Warum er selten „einfach so“ entsteht – und wie du echte Heilung erreichst

Sehnen gehören zu den stabilsten Strukturen im Pferdekörper. Sie sind beeindruckend belastbar, hochspezialisiert und darauf ausgelegt, Pferde[…]

Sehnen gehören zu den stabilsten Strukturen im Pferdekörper. Sie sind beeindruckend belastbar, hochspezialisiert und darauf ausgelegt, Pferde durch unterschiedlichste Bewegungen zu tragen. Und doch sind Sehnenschäden eine der häufigsten Verletzungen, mit denen Pferdebesitzer konfrontiert werden. Vielleicht hast auch du schon gehört: „Das ging ganz plötzlich.“ Oder: „Einmal blöd getreten – jetzt hat er einen Sehnenschaden.“ Die Wahrheit ist: Sehnen gehen fast nie plötzlich kaputt. Und schon gar nicht ohne Grund.

Ein Sehnenschaden – egal ob Sehnenscheidenentzündung, Fesselträgerschaden oder tieferer/oberflächlicher Beugesehnenschaden – ist fast immer das Endergebnis einer langen Entwicklung. Einer Entwicklung, die oft Monate oder sogar Jahre vorher ihren Anfang nimmt. Einer Entwicklung, die durch Fehlbelastungen, mangelnde Tragkraft, falsches Training, ungünstige Haltungsbedingungen oder körperliche Kompensationen geprägt wurde – lange bevor das Bein warm, geschwollen oder schmerzhaft wurde.

In diesem Artikel erfährst du, wie Sehnenschäden wirklich entstehen, warum sie selten nur ein „Beinproblem“ sind, wie du die frühen Warnsignale erkennst und warum die Heilung vor allem über Biomechanik und gesundes Training läuft – und nicht über Schonung, Bandagen oder kühlende Gels.


1. Warum Sehnen so selten „einfach so“ kaputtgehen

Viele Pferdebesitzer glauben, Sehnen seien besonders anfällige Strukturen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sehnen sind robust und für enorme Kräfte ausgelegt – allerdings nur, wenn diese Kräfte biomechanisch sinnvoll über den Körper verteilt werden. Sehnen stabilisieren, sie lieben gutes Training, sie lieben funktionierende Muskulatur. Was sie nicht lieben, ist dauerhaftes Kompensieren.

Ein Pferd reißt sich nicht an einem Nachmittag die Sehne. Es hat sich über Monate und Jahre tausende kleine Mikroschäden angesammelt – durch ein Training oder Bewegungsmuster, das der Körper nicht ausbalancieren konnte. Die Sehne wird nicht plötzlich schwach. Sie bricht zusammen, weil sie Funktionen kompensiert hat, für die sie nicht dauerhaft gemacht wurde. Weil Strukturen im Körper nicht stark genug sind, um sie zu entlasten.

Die meisten Sehnenschäden sind deshalb nicht „Unfälle“, sondern logische Konsequenzen einer zu hohen Belastung bei gleichzeitig zu geringer Tragkraft.


Sehnenschaden beim Pferd: Warum er selten „einfach so“ entsteht – und wie du echte Heilung erreichst
Trageerschöpfung. Vor und nach 8 Monaten Training.

2. Die wahre Ursache: fehlende Tragkraft und ein überforderter Rumpf

Die meisten Sehnenprobleme entstehen nicht im Bein, sondern im Rumpf. Wenn der Rumpfträger – also die Muskelkette, die den Brustkorb zwischen den Vorderbeinen „aufhängt“ – nicht funktioniert, fällt der Körper des Pferdes buchstäblich nach unten. Anstatt den Brustkorb zu tragen, lässt das Pferd sich auf seine Vorderhand fallen. Die Schultern werden schwer und an den Körper gezogen, die Fesseln federn übermäßig, der komplette untere Sehnen- und Bandapparat übernimmt plötzlich Arbeiten, für die er nie gebaut wurde.

Dieses Absenken und Durchhängen in der Vorhand ist das Fundament sehr vieler Sehnenprobleme. Denn die Vorderbeine tragen dann nicht nur das Körpergewicht, sondern auch die Aufgabe des Rumpfs – und das über jeden Schritt, jeden Übergang und jede Schieflage hinweg. Statt dass die Muskulatur federt, federn die Sehnen. Und Sehnen können das nur begrenzt.

Deshalb gilt: Ein Sehnenschaden ist fast immer ein Rumpfschaden. Und wer das Bein behandelt, aber die Biomechanik nicht verändert, heilt das Pferd nie wirklich.


Sehnenschaden beim Pferd: Warum er selten „einfach so“ entsteht – und wie du echte Heilung erreichst
Im Lot stehend, rückständig und vorbiegig.

3. Sehnenschäden entwickeln sich lange, bevor wir sie sehen

Bevor eine Sehne schmerzt oder anschwillt, zeigt der Pferdekörper viele kleine Signale. Sie sind subtil, manchmal kaum wahrnehmbar – aber sie sind da. Und wer sie erkennt, kann einen großen Schaden verhindern.

Viele Pferde zeigen früh ein leichtes „Schwammgefühl“ in der Sehne nach Belastung – Wassereinlagerungen, die nicht normal sind. Andere knicken im Karpalgelenk minimal ein („Vorbiegigkeit“), was zeigt, dass der Fesselträger überlastet ist. Ein rückständig stehendes Pferd zeigt, dass zu viel Last auf der Vorhand liegt und der Rumpf nicht ausreichend arbeitet. Manche Pferde stolpern häufiger, nicht weil sie unaufmerksam sind, sondern weil der Rumpf nicht mitarbeitet und die Koordination leidet. Taktfehler, Schwierigkeiten im Galopp, leichte Schiefhaltungen im Stand – all das sind frühe Warnzeichen.
Es ist wichtig zu verstehen: Der Körper schreit nicht sofort. Er flüstert lange vorher. Und wer hinhört, schützt sein Pferd.


4. Warum Sehnen fast nie wegen „schwacher Sehnen“ reißen

Viele Besitzer glauben, ihr Pferd habe schwache Sehnen oder sei besonders anfällig. Doch Sehnen werden nicht einfach so schwach – sie werden überlastet, unterfordert oder falsch beansprucht. Es ist nicht die Struktur, die versagt. Es ist die Art und Weise, wie wir sie nutzen.

Zu frühes intensives Reiten, zu viel „Vorwärts-abwärts“ ohne Rumpfspannung, einseitiges Arbeiten, zu wenig Basisarbeit, eine dauerhafte Last auf der Vorhand, schlechte Hufbearbeitung, mangelhafte Ausrüstung, fehlende Pausen, zu lange Stehzeiten – all das sorgt dafür, dass Sehnen langsam verschleißen.

Viele Besitzer glauben, ihr Pferd habe „plötzlich“ einen Sehnenschaden. In Wahrheit hat der Körper lange versucht, die falsche Belastung auszugleichen – und irgendwann schafft er das nicht mehr.


5. Warum eine Sehnenscheidenentzündung die rote Karte des Körpers ist

Eine Sehnenscheidenentzündung ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Strukturen überlastet sind. Die Sehnenscheide ist ein Schutzraum, der die Sehne gleiten lässt. Wenn sie sich entzündet, ist das nie ein zufälliges Ereignis. Es ist immer die Folge einer Überforderung.

Monotones Training, hartes Gelände, fehlende Balance, zu viel Tempo, falsche Biegung, ein Pferd, das in die Vorhand fällt – all das führt dazu, dass die Sehne in ihrer Hülle reibt. Reibung bedeutet Entzündung.

Eine Sehnenscheidenentzündung ist also nicht nur ein Schmerzsignal. Sie ist ein Hinweis darauf, dass biomechanisch etwas absolut nicht stimmt.


6. Warum Schonung, Bandagen, Kühlung und Salben allein nicht helfen

Viele Besitzer möchten ihrem Pferd unmittelbar Erleichterung verschaffen und greifen zu Kühlgel, Bandagen oder Schonung. Doch all diese Maßnahmen behandeln das Symptom – nicht die Ursache.

Ein Pferd mit einem Sehnenschaden braucht kein Einwickeln. Es braucht ein funktionierendes System.

Bandagen und Gamaschen können Sehnen nicht schützen. Sie verhindern keine Überlastung und beugen keinen Schäden vor. Im Gegenteil: Sie erzeugen oft gestaute Wärme. Und Wärme ist für Sehnen fatal. Sehnen lieben Temperaturstabilität und gute Luftzirkulation. Wenn sie unter Bandagen überhitzen, verlieren sie Elastizität, Stoffwechselprozesse werden gestört und das Gewebe wird anfälliger.

Ein Pferd braucht freie Sehnen, die atmen können. Bandagen schützen nicht. Sie können sogar schaden.


Aufrichtung ohne Zwang – der Kopf-Hals-Dialog
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7. Wie Sehnen wirklich heilen: Biomechanik + Training + Hufbearbeitung + Therapie

Ein Sehnenschaden ist niemals nur ein lokales Problem. Er ist immer ein gesamtkörperliches Thema.

Damit eine Sehne langfristig heilt, müssen drei Dinge zusammenkommen: korrektes Training, osteopathische Unterstützung und gesunde Hufe. Sonst fällt das Pferd immer wieder in dieselben Muster zurück.

Biomechanisch korrektes Training bedeutet langsam, präzise und kraftaufbauend. Pferde mit Sehnenproblemen brauchen keine endlosen Runden im Schritt. Sie brauchen eine gezielte Aktivierung des Rumpfs, Übungen, die Balance herstellen, Muskelketten, die wieder ihre Arbeit aufnehmen. Übergänge, Seitengänge, ruhige, bewusste Schritte – alles in einem Tempo, in dem das Pferd wirklich denken und seinen Körper kontrollieren kann.

Dazu kommt eine osteopathische Begleitung, weil der Körper mit Sehnenschaden immer Blockaden entwickelt. Ohne Mobilisation arbeitet der Körper dauerhaft gegen sich selbst.

Gute Hufbearbeitung ist unverzichtbar. Ein schiefer Huf bedeutet schiefe Belastung – und führt unmittelbar zu Sehnenproblemen. Da ein schiefer Huf aber auch von einer fehlerhaften Belastung herrührt, spielt auch hier das korrekte Training eine entscheidende Rolle.

Nur wenn alle Bereiche zusammenwirken, heilt die Sehne strukturiert. Alles andere ist Flickwerk.


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8. Wie lange Heilung wirklich dauert – und warum Geduld unerlässlich ist

Viele Besitzer hoffen auf schnelle Ergebnisse. Doch Sehnen sind kaum durchblutet. Sie heilen langsam, oft quälend langsam. Eine stabile Sehne braucht mindestens sechs Monate, um wieder belastbar zu werden. Eine vollständige strukturelle Regeneration kann bis zu zwei Jahre dauern.

Das klingt lange – ist aber die Wahrheit. Und jeder Rückfall, jede Überforderung, jede unbedachte Belastung wirft den Heilungsprozess um Wochen zurück.

Wer Geduld hat, bekommt am Ende ein stabileres Pferd als vorher. Wer zu früh anfängt, riskiert einen chronischen Schaden.


9. Wie du erkennst, dass dein Pferd wieder belastbar wird

Der Weg aus dem Sehnenschaden zeigt sich in kleinen, aber entscheidenden Veränderungen. Das Pferd stolpert weniger. Die Sehne wird nach Belastung nicht mehr warm oder weich. Der Brustkorb hebt sich. Die Schulterfreiheit verbessert sich. Der Rücken wird kräftiger, jeder Schritt kontrollierter. Das Pferd wird ruhiger, zufriedener, selbstbewusster.

Ein Pferd, das wieder tragen kann, bewegt sich anders. Es wirkt stabil, geerdet, in sich ruhend. Es nimmt den Reiter nicht nur mit – es trägt ihn wirklich.


10. Wie du dein Pferd langfristig vor neuen Schäden schützt

Der wichtigste Faktor für gesunde Sehnen ist kein Hilfsmittel. Es sind weder Bandagen noch Salben noch Supplements. Es ist die Art, wie du dein Pferd arbeitest und hälst – jeden Tag.

Langsames, präzises, biomechanisch korrektes Training ist der Schlüssel. Ein Körper, der gleichmäßig belastet wird, verliert nicht seine Struktur.

Das bedeutet: Balance statt Geschwindigkeit. Tragkraft statt Raumgriff. Qualität statt Quantität.

Wer sein Pferd wirklich gesund erhalten möchte, muss lernen, wie Biomechanik funktioniert. Und wie man ein Pferd reitet, das den Menschen wirklich tragen kann.


Sehnenschäden sind kein Schicksal – sie sind ein Wegweiser

Egal, wie schlimm ein Sehnenschaden wirkt: Er ist kein endgültiges Urteil. Er ist ein Hinweis darauf, dass dein Pferd über lange Zeit versucht hat, kompensierend zu leben. Ein Zeichen dafür, dass irgendwo im Körper etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – und dass jetzt die Chance besteht, es besser zu machen.

Sehnenschäden heilen nicht, weil man sie schont. Sie heilen, weil man versteht:

  • wie das Training aussehen muss
  • wie Tragkraft entsteht
  • warum Biomechanik entscheidend ist
  • wie der Rumpf trägt
  • wie der Körper wirklich funktioniert

Wenn du diesen Weg gehst, bekommt dein Pferd am Ende mehr Stabilität, mehr Kraft, mehr Balance – und damit ein deutlich längeres gesundes Pferdeleben.

MAVITA - Mareile Purwita Qi-Osteopathie und Chinesische Heilkunst für Pferde

Der Schlüssel zum Herzen unserer Pferde ist ihre körperliche und mentale Gesundheit.

Ich bin Mareile Purwita, Pferdetrainerin und Therapeutin für QiOsteopathie & Chinesische Heilkunst für Pferde. Ich möchte dir helfen, dein Pferd besser zu verstehen, es gesund zu trainieren und eine echte tiefe Verbindung zu ihm aufzubauen.

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